Sonntag, 1. November 2026

Die Slawin

Die Slawin

Viele meiner Bilder widme ich den unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen meines Selbstbildes. Jedes von ihnen trägt eine eigene Stimme in sich, einen bestimmten Blick auf die Welt, eine Erinnerung, eine Sehnsucht oder eine Frage. Auch dieses Werk entstand zunächst aus einer klaren Vorstellung: dem Wunsch, das Bildnis einer Slawin zu malen. Doch wie so oft folgte das Bild keinem festen Plan, sondern seinem eigenen, geheimnisvollen Weg.


Bild von einer Frau mit blondem Haar.


Ich arbeite meist sehr intuitiv. Zwischen den einzelnen Malphasen halte ich immer wieder inne und versuche zu erspüren, was das entstehende Bild mir sagen möchte. Dabei entwickelt sich ein stilles Zwiegespräch zwischen der Leinwand und meiner inneren Welt. Jede Farbe, jede Linie und jede Veränderung wirkt wie eine Antwort auf etwas, das zunächst noch verborgen in mir lag. Besonders gut gelingt dieser Prozess, wenn ich zügig arbeite. Dann bleibe ich ganz im Gefühl des Bildes, folge seinem Rhythmus und erlebe, wie es sich beinahe von selbst entfaltet. Oft überrascht es mich mit Facetten, die ich zu Beginn nicht ahnen konnte.

Mit diesem Bild war es jedoch anders. Sein Entstehungsweg war von sehr kurzen Malphasen und langen Unterbrechungen geprägt. Immer wieder legte ich den Pinsel beiseite, ließ das Werk ruhen und wandte mich anderen Dingen zu. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Das Bild stand still, während das Leben weiterging. Mit jeder Pause schien sich auch die Verbindung zu seiner ursprünglichen Inspiration ein wenig zu lösen.


Bildentwicklung von einer Frau mit blondem Haar in Acryl Mischtechnik


Heute fällt es mir schwer, den Faden wieder aufzunehmen, an den ich einst so selbstverständlich angeknüpft hatte. Die anfängliche Vision liegt wie hinter einem Schleier. Manchmal sitze ich davor und suche nach jener inneren Bewegung, die mich einst zum ersten Pinselstrich geführt hat. Doch statt Klarheit begegnet mir Schweigen.

Gerade in den letzten Tagen hatte ich beinahe das Gefühl, dieses Bild endgültig verloren zu haben. Es schien auf dem Weg zu sein, sich zu jenen unvollendeten Werken zu gesellen, die irgendwann in eine stille Ecke wandern und dort als Fragmente einer einstigen Idee weiterexistieren. Und doch kann ich es nicht ganz aufgeben. Denn obwohl ich mich von ihm entfernt habe, ist da noch etwas, das mich an ihm festhalten lässt.

Vielleicht liegt seine Bedeutung inzwischen gar nicht mehr in der ursprünglichen Vorstellung einer Slawin. Es könnte sein, dass sich in seinen vielen Schichten nicht nur Farbe, sondern auch Zeit abgelagert hat. Jede Pause, jeder Zweifel, jedes Zögern und jede Rückkehr haben Spuren hinterlassen. Das Bild ist dadurch zu einem Spiegel eines längeren inneren Prozesses geworden, als ich zunächst beabsichtigt hatte.

Manchmal frage ich mich, ob unvollendete Werke nicht ihre eigene Weisheit besitzen. Sie erinnern uns daran, dass Kreativität nicht immer geradlinig verläuft. Manche Bilder entstehen in einem einzigen Atemzug, andere verlangen Geduld und möchten über lange Zeit hinweg immer wieder neu betrachtet werden. Vielleicht warten sie nicht auf unsere Technik, sondern darauf, dass wir selbst an einem bestimmten Punkt unseres Weges ankommen.

Bild von einer Frau in Acryl Mischtechnik


Im Kreis der Nacht, wo Schatten knien, beginnt die Glut, sich aufzuziehen.
Drei Krähen kreisen überm Hain, ihr Ruf ein Tor zum Totenschrein.
Moranas Atem streift das Feld, ein Frost, der jede Stimme hält.
Doch unter Knochen, Moos und Stein erwacht ein Funke, rot und rein.
Die Hexen flüstern altes Wort, ein Bann, ein Schwur trägt Seelen fort.
Die Erde hebt sich, schwer und sacht, als hätt’ sie selbst die Glut entfacht.
Die Totenstille brennt im Wind, ein Zeichen, das die Nacht beginnt.‘
Und aus der Asche steigt empor ein Feuerpfad zum Geistertor.
So ruft die Glut im dunklen Land: Kein Schatten hält den Zauber stand.
Denn wo die Ahnen Atem tun, erwacht die Glut im Blute nun.

Slawischer Ahnenruf-Kinga Tatar


So steht dieses Bild noch immer vor mir. Es fordert nichts, drängt nicht und erwartet keine schnelle Entscheidung. Es wartet still. Und vielleicht ist gerade dieses Warten Teil seiner Geschichte. Vielleicht braucht es nicht die Rückkehr zur ursprünglichen Inspiration, sondern die Akzeptanz, dass sich das Bild verändert hat und den Mut, ihm heute neu zu begegnen. Denn manchmal finden wir den Weg zu einem Bild nicht wieder, indem wir zurückgehen, sondern indem wir bereit sind, ihm von einem neuen Ort in uns selbst zu begegnen. 

Womöglich liegt das Geheimnis dieses Bildes gerade darin, dass es eine ganz eigene Geschichte erzählen will, für die wir beide erst den richtigen Moment finden müssen.


Wie geht es dir beim Malen? Hast du auch Bilder die scheinbar mühelos entstehen und andere die etwas mehr Zeit einfordern? Teile hier gerne deine Erfahrungen mit mir.


✶Kinga✶


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